Was für eine Freude! Endlich ein neues Buch von der Autorin von Immer am Meer entlang. Ich mochte Franziska Jebens‘ Bücher von Anfang an, seien es die unterhaltsamen Liebesgeschichten „Die Liebe fällt nicht weit vom Strand“ und „Die Liebe fliegt, wohin sie will“ als auch ihre persönliche Geschichte „Kaffee mit Käuzchen“. Mit „Immer am Meer entlang“ bahnte sich schon eine Wandlung an, weg von der süßen Liebesgeschichte hin zu Neubeginnen, Chancen, mehr Tiefe und Geschichten, die hängen bleiben. Eine Konstante bleibt zumindest in allen Büchern: Die Liebe zum Meer. „Über der Brandung“ ist noch eine ganz andere Hausnummer, eine Geschichte zum Nachdenken, in der die Protagonistin ihr Leben komplett neu findet. Sie sucht nicht nach einem guten Ende sondern nach einem neuen Anfang.
Kleiner Vorabspoiler und eine Warnung: Diese Reise hat mich schmerzhaft berührt und den Wunsch geweckt, mehr solche Geschichten zu lesen. Es könnte auch durchaus sein, dass dieser Buchtipp mal wieder etwas länger ausfällt. Ich habe Redebedarf, versuche jedoch, euch nicht allzu viel zu verraten. Doch diese Unmenge an Zettelchen, die in dem Buch kleben, schreien einfach nach Zitaten und Gefühlen.
Darum geht es in „Über der Brandung“:
Als gar nichts mehr geht und die Erzählerin der Geschichte keine Kraft mehr hat, in ihrem bisherigen Leben weiterzumachen, lässt sie einfach alles zurück in Berlin. Die Autorin schnappt ihren Rucksack und entscheidet am Flughafen, wohin die Reise in ein neues Leben gehen soll. Die Entscheidung fällt spontan für Griechenland und schon nach kurzer Zeit merkt sie, dass es die beste ist, die sie treffen konnte. Eine zufällige Begegnung (oder eher ein Zusammenstoß mit Folgen) am Flughafen in Athen führt dazu, dass ihre Reise sie auf eine kleine Insel der Kykladen führt, nach Kefonisi.
Auf der Insel wird sie überraschenderweise schon erwartet von Hera, die eine kleine Bar führt und ihr direkt eine Unterkunft anbietet im Gegenzug für Hilfe im Smaragdi. Dieses Zusammentreffen ist für beide ein großes Geschenk. Hera hilft der Erzählerin zurück ins Leben, gibt ihr einen neuen Namen und lehrt sie viel über die Natur und ein freies Leben im Einklang mit den Elementen. Nea, die Neue, findet langsam zurück zu ihrer Stärke und ihrer Weiblichkeit. Und sie findet ihre Freiheit.

Meine Leseeindrücke:
Wie oben schon erwähnt, habe ich massig kleine Merkzettelchen in das Buch geklebt, sprich: Es gab massenhaft Textstellen in dem Buch, die ich schön, merkenswert oder hilfreich empfunden habe. Dinge, die ich selbst einmal nachlesen möchte und und und. So, wie es meistens bei mir ist, wenn mich ein Buch richtig mitnimmt und ich mehr über die Hintergründe wissen möchte. im Fall von „Über der Brandung“ sind es unter anderem diese Themen, die mich fasziniert haben: Heilpflanzenkunde, Mondrituale und Hexenverfolgung. Dazu aber später mehr.
Zunächst einmal möchte ich das Offensichtliche erwähnen, das mir wahnsinnig gut gefallen hat: Die Erzählerin erwähnt nie ihren Namen. Auch sonst erfährt man wenig über sie, zum Beispiel über ihr Aussehen, ihr genaues Alter… Das fand ich ehrlich gesagt richtig klasse. Es geht zu keiner Zeit um Äußerlichkeiten und ich habe die Erzählerin nur durch ihre Erlebnisse kennengelernt. Und ich muss sagen: Sie ist eine tolle Frau!

Die Hauptpersonen aus „Über der Brandung“:
Dass die Erzählerin (die später Nea genannt wird) mehr Stärke besizt, als sie selbst von sich denkt, zeigt sich in ihrer spontanen Flucht aus Berlin. Ich meine, wer hat nicht schon machmal den Gedanken, einen Koffer zu packen und den ganzen Mist hinter sich zu lassen – und macht dann doch weiter wie gehabt? Aber sie packt tatsächlich ihren Rucksack und lässt ihre Heimat, ihre Freunde, ihren Beruf, ihr Handy und Laptop zurück, setzt sich in ein Taxi und fährt an den Flughafen. Das ist für mich kein Zeichen von Schwäche.
Nach allem, was ihr als Autorin und Mensch passiert ist, ist es ein großer Schritt, aber auch ein weiser. Von der Großstadt auf eine kleine griechische Insel ohne die gewohnten Annehmlichkeiten. Ein Wagnis, für das sie mehr als belohnt wird. Denn sie ist auf dem besten Weg, das wiederzufinden, was sie ausmacht: Das widerspenstige, wilde, freie und kluge Mädchen, bevor es in Form gepresst, immer rücksichtsvoll und zurückhaltend wurde. Und dazu noch Freundschaft, Liebe und einen unheimlich süßen tierischen Mitbewohner. Ich bewundere, wie Nea ihren Weg unbeirrt geht und sich nicht unterkriegen lässt. Allein die schlichten Lebensumstände sind für ein Stadtkind eine immense Herausforderung.
Wer bin ich, wenn ich nicht mehr das tue, was ich ein Leben lang tun wollte?
Ein Mensch.
(Zitat Nea, aus „Über der Brandung“, Seite 148)
Hera ist ihr dabei immer eine gute Gesprächspartnerin, Mentorin und Freundin. Sie hört zu, versteht und hilft. Sie verfügt auch über jede Menge altes Wissen. Vor allen Dingen scheint Hera eine Gabe zu haben, denn sie kann Nea lesen wie ein Buch und fühlt schon vorab, wenn sie Hilfe benötigt. Überhaupt ist sie meine geheime Heldin im Buch und neben Nea meine Lieblingsprotagonistin. Die ganze Zeit war ich gespannt auf Heras Geschichte. Zum Glück durfte ich diese auch irgendwann erfahren. Wenn ich mir eines wünschen dürfte, wäre es, Heras Kräuter-Rezeptbuch zu lesen. 🙂
Ich könnte euch jetzt noch jemanden vorstellen. Der Schwede ist … nein, ich denke, ihr solltet unbedingt das Buch lesen, um ihn kennenzulernen.

Weitere bemerkenswerte Charaktere:
Der Frauen-Zirkel, der sich jeden Monat zum Neumond im Smaragdi trifft, ist etwas ganz Besonderes. Die Frauen dieses Zirkels halten zusammen und unterstützen sich gegenseitig. Es gibt keinen Neid oder Missgunst. Nur Zuneigung und Freundschaft. Die Frauen nehmen Nea unglaublich schnell und offen in ihre Gemeinschaft auf und werden zu ihren Freundinnen. Ich könnte euch jetzt etwas zu den einzelnen Frauen erzählen – aber das holt dann doch zu weit aus.
Auf keinen Fall vorenthalten möchte ich euch einen der süßesten, treuesten tierischen Sidekicks, von denen ich je in einem Buch gelesen habe: Die Ziege Meltemi. Eigentlich gehörte sie zu Hera, doch sehr schnell wird klar, dass sie Neas treue Gefährtin wird, die bei ihr wohnt und sie auf Ausflügen in und um die Insel begleitet.

Was micht sonst noch beeindruckt hat:
Franziska Jebens‘ neues Buch „Über der Brandung“ zu lesen, war für mich Entschleunigung pur. Durch ihre ruhige Erzählweise, die Beschreibungen der Natur und Umgebung, die Entwicklung der Protagonistin, konnte ich den Roman richtig genießen. Ich habe mir auch sehr viel Zeit dafür genommen und auch mal nur ein paar Seiten gelesen. Doch zum Ende hin musste ich natürlich immer weiter lesen. Ich wollte ja wissen, wie es mit Nea ausgeht, wie ihr neues Leben letztendlich aussehen soll. Ich habe ihren Weg begleitet: Wie sie Wut und Trauer zulässt aber auch, wie sie diese Gefühle wieder loslässt und nach vorne schaut. Nea ist vielen von uns soweit voraus, denn sie lässt es nicht zu, dass sich die Bitterkeit in ihr festsetzt. Ich habe geweint mit Nea und habe mich für sie gefreut. Und zumindest in Gedanken habe ich mindestens einmal Meltemi geknuddelt.
„Die Bitterkeit dient uns dabei nicht. Sie ist ein Vampir, der uns den Lebenssaft aussagt. Wir müssen sie erkennen und loswerden, sonst attackiert sie unsere Seele, vergiftet unsere Intuition, und letztendlich, wie alle Emotionen, die in uns stecken bleiben, wird sie toxisch und macht uns krank.“ (Zitat Hera aus „Über der Brandung“, Seite 108)
Was mehrfach in der Geschichte auftaucht sind die Themen Hexen und Hexenverfolgung, aber auch Weiblchkeit an sich und Feminismus. Wenn die Frauen des Zirkels sich untereinander austauschen, werden interessante Informationen erwähnt. Unter anderem, wie viel mehr Zusammenhalt es unter den Frauen in früheren Zeiten gab, bevor durch Männer Neid und Missgunst gesäht wurde, und sich zurückgewiesene Männer auf ihre eigene Weise rächten. Eine Aussage von Hera fand ich besonders treffend und in gewisser Hinsicht auch beängstigend:
„Es hat sich nichts geändert, das sind noch die gleichen Methoden wie früher. Heutzutage ist es nur etwas komplizierter, ungestraft einen Menschen zu verbrenne, darum wird anstelle deines Körpers eben dein guter Ruf in Brand gesetzt“, sagt Hera nüchtern. (Zitat aus „Über der Brandung“, Seite 208)
Wir alle sehen im Moment, wie sich die Gesellschaft zurück entwickelt und offene Frauenfeindlichkeit wieder en vogue ist und erschreckend offen gelebt wird. Beim Lesen von Heras und Neas Geschichte bekam ich auch das eine oder andere Mal eine Gänsehaut.

Meine Bewertung / mein Fazit zu „Über der Brandung“:
Der Roman hat mich quasi mit voller Breitseite erwischt. Das dürftet ihr bereits daran merken, dass dies hier die längste Buchbeschreibung seit langer Zeit ist. Wenn mich ein Buch auf vielen Ebenen so dermaßen packt, möchte ich einfach mehr darüber schreiben – am liebsten würde ich auch mit jemanden darüber reden, der es auch gelesen hat. Ich empfehle euch dieses Buch von Herzen. Es ist eines der Bücher, die man immer mal wieder lesen kann. Ein zukünftiger all time favourite. Und meine Klebis bleiben drin. 🙂
Es ist paradox. Obwohl Franziska Jebens‘ neuer Roman eine Geschichte über eine Neuerfindung, eine Auszeit für die Seele vor dem Hintergrund der wunderschönen griechischen Inseln ist, und damit ein richtig schönes Sommerbuch, ist es gleichzeitig ein Buch mit vielen komplexen Themen, die zum Nachdenken anregen. Das Ganze in einer Form, die unglaublich angenehm zu lesen ist – einfach weil die Geschichte so voller Optimismus ist. Und natürlich Meltemi.
Wie ich im Einstieg erwähnte, mog ich alle bisherigen Bücher von Franziska Jebens sehr. Doch mit „Über der Brandung“ hat sie ein ganz neues Level erreicht, ein Buch, das bleibt. In Gedanken und im Regal. Diesem Roman merkt man an, dass sich auch die Autorin neu er-(oder ge-)funden hat. Am liebsten würde ich mich direkt auf die Suche nach meinem persönlichen Kefonisi begeben…
Ich wünsche euch ebenso viel Freude mit „Über der Brandung“ und viele schöne Lesestunden.
Deborah

Folgenden Link kennzeichne ich gemäß § 2 Nr. 5 TMG als Werbung:
Liebe Franziska, ich danke dir von Herzen für das Rezensionsexemplar! Du hast mir mit dieser Geschichte so viel mehr geschenkt, als ein paar schöne Lesestunden. ♥ Ich freue mich in der Zukunft auf weitere Bücher von dir, egal wann.
Weitere Infos zum Buch und der Autorin findet ihr auf der Internetseite von Franziska Jebens.
