Völlig überraschend und unerwartet erreichte mich das autobiographische Buch „Befreit“ von Tara Westover aus dem Kiepenheuer & Witsch Verlag. Ich hatte noch nichts davon gehört. Da mich der beigelegte Brief des Lektors Lutz Dursthoff aus dem Verlag jedoch sehr neugierig gemacht hat, begann ich Tara Westovers Buch direkt zu lesen. Und es hat sich gelohnt, ihre Lebensgeschichte ist mehr als inspirierend und bewegend. Jede einzelne Minute und jede Stunde, die ich gemeinsam mit Tara Westover in ihrer Heimat und auch später an den Universitäten verbringen durfte.

Und darum geht es:

Tara Westover lebt als Kind und Jugendliche am Fuße des Buck Peaks, eines Berges in Idaho, der auch „die Indianerprinzessin“ genannt wird, mit ihren Eltern und ihren Geschwistern. Die Familie lebt im Einklang mit der Natur. Die Mutter stellt Salben und Tinkturen zur Heilung verschiedenster Krankheiten her und ist zeitweise Hebamme. Der Vater betreibt einen Schrottplatz zusammen mit seinen Kindern. Sie arbeiten alle zusammen hart und teilweise unter verheerenden Umständen. Als streng gläubiger Mormone verweigert der Vater den Kindern die Schulbildung und auch jeglichen Arztbesuch. Gleichzeitig leidet der Vater an einer bipolaren Störung. Er ist der festen Überzeugung, dass das FBI ihn jagt und demnächst das Ende aller Tage ansteht. Deshalb hortet er Essen, Kraftstoff und Waffen.

Die Kinder und auch er selbst werden teilweise schwer verletzt auf dem Schrottplatz. Tara und die anderen Kinder werden aber nicht nur vom Vater terrorisiert, sondern auch von ihrem älteren Bruder Shawn. Eine Flucht aus diesem Umfeld scheint ausgeschlossen. Tara besitzt wie ihre Geschwister nicht einmal eine Geburtsurkunde. Sie weiß tatsächlich nicht einmal genau, wann sie geboren wurde. Ihr älterer Bruder Tyler unterstützt sie jedoch und treibt sie an, den Berg zu verlassen. Sie bereitet sich selbstständig auf eine Aufnahmeprüfung fürs College vor und tut damit den entscheidenden Schritt in eine andere Zukunft.

Meine Bewertung:

Ich bin ehrlich sprachlos, erschreckt, beeindruckt und gerührt. Wie viel Kraft muss diese junge Frau aufgebracht haben, um sich aus dieser scheinbar ausweglosen Situation zu befreien? Nachdem ich ihre Erlebnisse mit ihrem Vater und ihrem Bruder gelesen habe, wundert es mich, dass sie überhaupt noch am Leben ist. Eine schwächere Persönlichkeit wäre in diesem Umfeld vermutlich hoffnungslos verloren und würde sich wohl einfach fügen. Oder einfach sterben bei einem der zahlreichen Unfälle oder Misshandlungen durch den großen Bruder. Nicht so Tara Westover.

Es ist beeindruckend, wie viel sie in kurzer Zeit erreicht hat. Und das trotz vieler Rückschläge und Zweifel an sich selbst. Die Leitsätze ihres Vaters sind ihr so in Mark und Knochen übergangen, dass sie ihre Vergangenheit nicht einfach abschütteln kann und sich oft schuldig fühlt. Teilweise traut sie nicht einmal ihren Erinnerungen und hält sich selbst für verrückt. In ihrer Kindheit und Jugend hat sie durch die oftmals geisteskranken Äußerungen ihres Vaters offensichtlich eine Art Gehirnwäsche erhalten. Nichtsdestotrotz vermisst sie ihre Familie, denn trotz allem liebt sie ihre Eltern und Geschwister. Sehr oft konnte ich es einfach nicht fassen, dass sie immer wieder an den Buck Peak zurückkehrt, und sich dadurch erneut in Gefahr bringt. Ich wollte ihr einfach nur zurufen, dass sie es sein lassen soll, und habe aufgeatmet, als sie zurück an der Uni war.

Die Autobiographie von Tara Westover zeigt deutlich, wie wichtig Bildung ist und wie viel Unheil dadurch verhindert werden kann, weil gebildete Menschen nicht mehr so einfach auf religiöse Eiferer oder sonstige fanatisch veranlagte Personen jeder Couleur hereinfallen oder sich von ihnen für ihre Zwecke missbrauchen lassen. Außerdem beweist sie mit ihrer Lebensgeschichte, dass es selbst unter den denkbar ungünstigsten Voraussetzungen möglich ist, sich Bildung anzueignen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen – wenn man genug Kraft, Mut und den Willen dazu hat. Leider ist das ja nicht in allen Ländern möglich, insbesondere nicht für Frauen. Und wenn man Geschichten wie „Befreit“ liest, kann man auch nachvollziehen, warum. Gebildete Menschen und insbesondere auch gebildete Frauen ließen sich nicht mehr so einfach auf die ihnen von der Familie und Gesellschaft zugeordnete Rolle einschränken.

Mein Fazit zu Tara Westover „Befreit“:

Ich halte Tara Westovers Buch nicht einfach nur für eine tolle Geschichte, die einen beim Lesen mitreißt, sondern auch für ein äußerst wichtiges Buch in unserer Zeit. Fast schon eine Pflichtlektüre – die sich aber hervorragend lesen und erleben lässt. Für mich persönlich war es manchmal kaum erträglich zu lesen, was Tara am eigenen Leib erfahren hat. Es ist schier unbegreiflich und für mich fast schon jenseits meiner Vorstellungskraft, wie jemand so gedankenlos mit den Mitgliedern seiner Familie umgehen kann. Ich hatte manchmal das Gefühl, Taras Vater will mit aller Macht Gott herausfordern, um ihm zu beweisen, dass er einer seiner Auserwählten ist, weil er ihm mehr vertraut als anderen seiner Kirchengemeinde.

Lest es, verschenkt es, verleiht es, redet darüber, stellt es in einem Lesekreis vor, diskutiert darüber… „Befreit“ ist eine unglaublich berührende, verstörende und auch beängstigende Geschichte.

Ich bin sehr froh, dass ich quasi mit der Nase darauf gestoßen wurde, und empfehle es euch wärmstens weiter.

Viel Spaß beim Lesen!

Deborah

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Vielen Dank an den Kiepenheuer & Witsch Verlag für die Zusendung dieses Überraschungsbuches!