Kristin Harmel – Solange am Himmel Sterne stehen

Endlich darf ich darüber schreiben, davon schwärmen … Kurz gesagt, ich liebe dieses Buch. Daher komme ich dieses Mal nicht drumherum, über den Inhalt zu reden. Vielleicht solltet ihr es erst lesen, bevor ihr meine Bewertung lest, denn es gibt dicke, fette Spoiler! Von mir bekommt Kristin Harmel – Solange am Himmel Sterne stehen alle möglichen Sterne!

Der Inhalt aus meiner Sicht:
Wer sich die vor Beginn des ersten Kapitels vermerkten Zitate durchliest, bekommt schon eine kleine Ahnung davon, wovon dieses Buch handelt.
Hope wohnt nach der Trennung von ihrem Mann in dem Haus ihrer Kindheit und führt die Nordsternbäckerei in der allerlei wunderbare Backwaren wie Sterntörtchen, Nordstern-Vanilleküchlein, Cape-Cod-Kekse… (die Rezepte dazu gibt es passenderweise gleich im Buch) angeboten werden.
Hopes 12jährige Tochter Annie hilft zeitweise in der Bäckerei aus. Sie lebt abwechselnd bei Vater und Mutter und ist sehr zu Hopes Verdruss ziemlich bockig. Annie lässt Hope ständig spüren, dass sie versagt hat, sie wirft ihrer Mutter vor, an der Trennung Schuld zu sein, weil sie keine Gefühle zeigen kann. Das und die Tatsache, dass sie drauf und dran ist, die seit 60 Jahren bestehende Familienbäckerei zu verlieren, lastet schwer auf Hopes Schultern. Darüber hinaus kommt noch die Sorge um Großmutter Rose dazu. Zum Glück hat Hope einen guten Freund an ihrer Seite – Gavin hilft ihr stets im Notfall.
Rose ist seit längerem im Pflegeheim, sie hat Alzheimer. Sie beobachtet jeden Abend den Sternenhimmel, immer auf der Suche nach der Wahrheit. Es wird für Hope und Annie immer schwieriger, zu ihr durchzudringen. Oftmals erkennt sie weder ihre Enkeltochter noch ihre Urenkelin – was beide schmerzt, denn sie lieben ihre „Mamie“.
Am einem Abend Ende September ist jedoch alles anders, Rose hat noch einmal einen Tag, an dem sie sich an alles erinnert und ihre Verwandten erkennt. An diesem wichtigen Tag bittet sie Hope um einen großen Gefallen: Hope soll in Paris herausfinden, was mit den Menschen passierte, die Rose am meisten bedeuteten, ihre Familie. Sie gibt ihr eine Liste mit sieben Namen: Albert, Cécile, Hélène, Claude, Alain, David und Danielle Picard. Ihr Großvater war im Jahr 1949 noch einmal nach Paris gegangen, um etwas über die Familie Picard heraus zu finden, er teilte Rose mit, dass alle umgekommen waren. Doch Rose will nun genauer wissen, was passiert ist.
Für Hope ändert sich von diesem Moment alles, denn nach und nach findet sie heraus, mit welcher Last auf dem Gewissen ihre Großmutter all die Jahre lebte – und mit welcher Sehnsucht sie zu kämpfen hatte. Zunächst kann sie es nicht glauben, denn sie hatte keine Ahnung, dass ihre Großmutter jüdischer Abstammung war und ihre Familie im Holocaust verloren hat – und vermutlich auch die Liebe ihres Lebens. Hope erfüllt Roses Wunsch und fliegt nach Paris um Nachforschungen anzustellen. Was sie herausfindet, verändert ihr ganzes Leben – denn es gibt sie tatsächlich – diese eine Liebe, die alles überdauert.
Meine Bewertung (Achtung, Spoiler!):
Es ist schwierig, das Buch zu beschreiben, ohne etwas vom Inhalt Preis zu geben, daher lässt es sich nicht vermeiden, auf das eine oder andere Detail einzugehen.
Solange am Himmel Sterne stehen, werde ich dich lieben.“
Wer den Titel und diesen Satz liest, wird vermuten, dass es sich bei Kristin Harmels Geschichte um eine reine Liebesgeschichte handelt – doch das Buch ist so viel mehr als das. Die Geschichte von Rose, die von ihrer Enkeltochter Hope nachverfolgt wird, ist erschütternd und unfassbar traurig – jedoch auch mit einem Funken Hoffnung.
Das Buch ist so unglaublich schön erzählt, dass ich am liebsten an jeden zweiten Satz einen Merkzettel geklebt hätte (was – so wie das Buch im Moment aussieht – eigentlich auch der Fall ist…). Ehrlich, ich könnte stundenlang darüber reden. Ich hoffe, dass es bald einige gelesen haben und ich mich mit ihnen darüber unterhalten kann. „Solange am Himmel Sterne stehen“ hat mich sehr berührt. Es ist eine Geschichte, die für Millionen anderer Dramen, die sich in der Zeit des zweiten Weltkrieges abspielten, stehen kann. Sie wirkt glaubwürdig, gut recherchiert und unendlich gefühlvoll. Darüber hinaus wird auch Roses Alzheimer-Erkrankung sehr bildlich beschrieben.
Roses Gedankenwelt spielt sich immer mehr in der Vergangenheit ab. Sie hat große Angst vor dem Vergessen, was wohl jeder nachempfinden kann. Man kann regelrecht ihren Schmerz fühlen, weil sie sich nur Minuten nach dem Besuch ihrer Enkelin nicht mehr daran erinnern kann, ob jemand bei ihr war. Sie schafft es einfach nicht mehr, ihrer Erinnerungen festzuhalten und tappt oft im Dunkeln. Und in den wenigen klaren Momenten begreift sie, dass sie einen großen Fehler gemacht hat, in dem sie ihr früheres Leben verschwiegen hat und ihre Gefühle immer beherrschte.
Für Roses Tochter Josephine ist es zu spät, denn sie ist Jahre zuvor gestorben. Josephine hat ihrer Tochter Hope gegenüber genauso wenig Gefühle gezeigt, wie Rose ihrer Tochter. Daher macht sie sich Sorgen um Hope – wird sie den Kreis durchbrechen, wenn sie die Wahrheit kennt? Und wird sie Rose verzeihen?
Als Hope in Paris ist, hat sie mitten auf der Pont des Arts ein Déjà-vu-Gefühl. Sie erkennt die Umgebung aus den Märchen, die ihre Mamie erzählt hat und ihr wird klar, dass sie alle die Jahre keine Märchen sondern wahre Geschichten gehört hat. Geschichten über Jacob Levy, Roses große Liebe.
Eines Tages“, sagte der Prinz zu der Prinzessin, „werde ich dich über ein großes Meer zu einer Königin führen, deren Fackel die ganze Welt erhellt, sodass alle ihre Untertanen sicher und frei sind.“ (Seite 170)
Zum Glück hat einer von Roses Brüdern überlebt, der mittlerweile fast 80-jährige Alain. Alain erzählt Hope von Rose und Jacob und gemeinsam suchen sie die fehlenden Teile der Geschichte. Rose ist am Abend vor der großen Razzia von zu Hause abgehauen. Sie hatte versucht, ihren Vater zu warnen, doch er glaubte ihr kein Wort. Einzig Alain, der zum damaligen Zeitpunkt elf Jahre alt war, vertraute auf Jacobs Warnung und flüchtete ebenfalls. Gemeinsam mit Alain findet Hope erstaunliche, unglaubliche Antworten aber auch viele weitere Fragen. Und immer weißt ihr ein Stern den Weg – in diesem Fall ein Sterntörtchen. Sie erfahren, dass Rose von Muslimen gerettet wurde und finden sogar die Familie, die ihr Schutz geboten hat. Unglaublich, wie Christen, Muslime und Juden an einem Strick zogen um Leben zu retten!
Sehr schön fand ich, wie Monsieur Haddam und Alain Picard die Ähnlichkeiten ihrer Religionen feststellen:
Monsieur Haddam schüttelt den Kopf…Unsere Religion lehrt uns: „Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt.“
Alain stößt einen seltsam erstickten Laut aus.“Im Talmud steht geschrieben: Wenn du ein Leben rettest, ist es, als hättest du die Welt gerettet,“ sagt er leise. (Seite 244)
Dieser Spruch dürfte vielleicht einigen bekannt vorkommen. Oskar Schindler erhielt als Dankeschön von den Menschen, die er gerettet hat, einen goldenen Ring aus Zahngold auf dem diese Worte eingraviert waren.
Nach allem, was Hope über Roses Leben in Paris und über Jacob Levy herausfindet, muss sie einfach auch die große Liebe ihrer Großmutter finden. Alain, der sie nach Amerika begleitet, hilft ihr dabei – außerdem will auch er seine große Schwester unbedingt wiedersehen. Die Zeit drängt, denn Rose ist schwer krank.
Letztendlich erkennt auch Hope, dass auch sie viel zu lange keine Gefühle zugelassen hat. Sie findet einen Weg, sich mit Annie zu versöhnen. Spätestens nachdem sie die ganze Geschichte von Rose, Jacob und ihrer Familie kennt, öffnet sie ihr Herz und entdeckt, dass es da jemanden gibt, der sie liebt – und den sie auch zurück liebt. Und mit viel Glück ist es eine solche Liebe, wie sie Rose für Jacob empfand – auch noch 70 Jahre nachdem sie sich das letzte Mal gesehen haben:
…“ Und dann, Annie, gibt es auch noch die Art Liebe, zu der wir alle die Chance haben, bei der aber nur wenige von uns weise genug sind, um sie zu erkennen, oder mutig genug , um sie beim Schopf zu packen. Das ist die Art Liebe, die ein ganzes Leben ändern kann.“ (Seite 274)
Ich kann eigentlich nur raten, Unmengen von Taschentüchern bereit zu halten, ihr werdet sie brauchen. Außerdem auch viel Zeit, wenn euch die Geschichte genauso fesselt wie mich. Die Geschichte beschäftigt mich sehr, seitdem ich sie gelesen habe, und ich weiß, dass es einige Orte gibt, die ich während meines nächsten Paris Besuchs (hoffentlich noch dieses Jahr!) auf jeden Fall besuchen werde. Hierzu zählen natürlich die Pont des Arts, die Freiheitsstatue im Jardin du Luxembourg und das Mémorial de la Shoah.
Für mich definitiv ein Highlight des Jahres 2013! Es fällt schwer, das Buch in wenigen Worten zu beschreiben. „Solange am Himmel Sterne stehen“ ist eine Liebeserklärung an das Leben, die Liebe und die Familie, eine Mahnung gegen das Vergessen – aber auch eine Erinnerung daran, dass unser Leben nicht ewig dauert und uns nur eine begrenzte Zeit zu Verfügung steht um Fehler zu korrigieren und unser Leben zu leben. Und letztendlich ein Appell, zu verstehen, dass wir alle an ein und den selben Gott glauben.
Nun noch kurz zu den äußeren Werten: Das Cover ist ein Traum! Die Farben, die Schrift, der leicht gewellte Karton, einfach perfekt – und auch nicht so anfällig für Gebrauchsspuren wie Hochglanzcover. Über die Geschichte verteilt gibt es auch die Rezepte zu den erwähnten Backwaren. Wobei es mir bei manchen Kapiteln etwas seltsam vorkommt, danach ein Backrezept vorzufinden. Ich persönlich hätte es besser gefunden, sie gesammelt an den Schluss zu stellen – wäre auch günstiger zum Finden und Ausprobieren. Ich würde gerne das eine oder andere davon backen. Das ist aber auch mein einziger Kritikpunkt an diesem wunderbaren Buch.
Ich bin sehr gespannt, wie ihr das Buch findet und würde mich freuen, wenn ihr mir etwas dazu schreibt. Meinen Dank, wenn ihr mein Geschreibsel bis zum Ende gelesen habt – war ja dieses Mal doch „etwas“ ausführlicher als sonst. Entschuldigung, aber in diesem Fall konnte ich mich einfach nicht bremsen. 
Deborah