Das Kinderprogramm ist für heute beendet, nun kommen wir zu den Büchern für Erwachsene. Nein, nicht das Nachtprogramm – nur das für den Abend. Und hier möchte ich euch ein besonderes Buch vorstellen: „Der Poet der kleinen Dinge“ von Marie-Sabine Roger.
 
ISBN: 978-3-455-40095-3
französischer Originaltitel: Vivement l’avenir
Seitenanzahl: 240
Einbandart: gebunden mit Schutzumschlag
Zum Inhalt:
 
Ein verschlafenes Nest in der Normandie. Warum es die dreißigjährige Alex hierher verschlagen hat, weiß sie selbst am wenigsten. Aber sie hat ohnehin nicht vor, lange zu bleiben. Wäre da nicht die Sache mit Gérard, den sie Roswell nennt, weil er Ähnlichkeit mit einem Außerirdischen hat. Alex hat sofort einen Narren an ihm gefressen, als sie bei seinem Bruder und dessen Frau zur Untermiete einzieht. Schwägerin Marlène will den Behinderten am liebsten aussetzen und weiß nicht, dass ihre Untermieterin alles daran setzt, den herzlosen Plan zu durchkreuzen. Als Alex Gérard eines Tages mit zum Kanal nimmt, begegnen sie dort eine nicht minder seltsamen Paar: Olivier, dem Bierdosenweitwerfer, und seinem melancholischen Freund Cédric. Niemand von ihnen ahnt, dass ein denkwürdiges Abenteuer auf sie wartet, eine Reise durch die Höhen und Tiefen des Lebens, welche die vier Außenseiter zusammenschmieden wird. (copyright Klappentext und Cover Hoffmann und Campe)
 
Meine Bewertung:
 
Nach der ganzen Jugendliteratur, die ich euch vorgestellt habe, ist es jetzt mal wieder Zeit für ein Buch der leisen Zwischentöne, ein Buch aus Frankreich. Nachdem mich Marie-Sabine Rogers „Das Labyrinth der Wörter“ so sehr begeistert hat, war es selbstverständlich, dass „Der Poet der kleinen Dinge“ ebenfalls auf meiner Wunschliste landete. Und Freude über Freude: Schneller als gedacht befand er sich in meinem Einkaufskorb – denn durch Zufall fand ihn mein Schatz bei den weißen Buchwochen in einer Krabbelkiste bei der Mayerschen Buchhandlung. Manchmal hat man einfach Glück…
 
Nach den ersten Seiten stellte ich schon fest, dass „Der Poet der kleinen Dinge“ ein ganz anderes Kaliber als „Das Labyrinth der Wörter“ ist. Ging es im ersten Buch um einen liebenswerten, etwas ungebildeten Mann, der die Liebe zu den Büchern entdeckte, so ist hier die Person, um die sich alles dreht Gérard. Gerárd, von Alex liebevoll Roswell genannt, ist ein Mann mit so schweren körperlichen Behinderungen und Entstellungen, wirkt auf seine Umwelt abschreckend und beängstigend. Er kann sich nur schwer artikulieren und kaum selbstständig fortbewegen. Doch Alex, die Gelegenheitsarbeiterin und Rumtreiberin, die zufällig in seine Stadt kommt und bei seiner Familie zur Untermiete wohnt, erkennt dennoch den liebenswürdigen Menschen in ihm. Sie schließt ihn – gegen ihren Willen – sehr ins Herz. Und dabei wird sie nur wenige Monate in dieser tristen Stadt verbringen und auf einer Hühnerfarm arbeiten.
 
Alex kümmert sich um Gérard, sie spricht mit ihm und findet sogar einen Weg, mit ihm spazieren zu gehen. Als sie dabei einmal durch Jugendliche in Bedrängnis geraten, kommen ihr Olivier und Cédric zu Hilfe – ebenfalls zwei Außenseiter. Olivier lebt für sein Bier und sein Staudamm-Projekt (er wirft die leeren Bierdosen immer an einer bestimmten Stelle in den Kanal) und Cédric trauert seiner verlorenen Liebe hinterher. Es entwickelt sich eine Freundschaft zwischen den vier sympathischen Außenseitern. Sie alle sind etwas (bis sehr) seltsam, skurril aber zuverlässig und treu. Das Leben hat es mit allen nicht sonderlich gut gemeint. Als eine Erbschaft Oliviers ungeahnte Möglichkeiten bietet, greifen sie diese beim Schopf.
 
Wenn man die Beschreibung der kleinen Stadt liest, kann man ohnehin nicht verstehen, was irgendjemanden dort hält. Es wird alles als trist und schmutzig beschrieben, sogar der Himmel ist die meiste Zeit grau und passt sich den Gegebenheiten an. Und über allem hängt dann noch der Dunst der riesigen Hühnerfarm. Mir fiel es am Anfang wirklich schwer, weiter zu lesen, denn alles wirkte sehr bedrückend auf mich. Außerdem ist mir am Anfang entgangen, dass das Buch teilweise aus der Sicht von Alex und teilweise aus Cédrics Sicht geschrieben ist. Es wird einfach in der Ich-Form erzählt, daher ist es anfangs nicht so ganz klar, von wem gerade die Rede ist. Man kann zunächst nur durch die Kapitelüberschriften unterscheiden, wer gerade erzählt. Manche Dinge erfährt man dann auch von beiden – aus der jeweiligen Perspektive betrachtet. Insgesamt ist es eine anspruchsvolle Geschichte und es lohnt sich, weiter zu lesen. Denn nach und nach gewinnt jede dieser traurigen Gestalten die Sympathie des Lesers. Und zusammen sind sie wirklich ein tolles Team – auch wenn sich Alex nur als vorübergehendes Mitglieder der Gruppe sieht. Für Gérard ist es eine ganz neue Erfahrung, dass sich jemand um ihn kümmert und ihn versteht. Sie lauschen seinen Gedichten, singen und lachen mit ihm. Und vielleicht das erste Mal seit dem seine Mutter gestorben ist, fühlt er sich nicht mehr allein. 
 
„Der Poet der kleinen Dinge“ ist tatsächlich ein sehr positives Buch. Eine Geschichte, die Mut macht, ein großes Ja zu Freundschaft, Toleranz und Verständnis. Ein Buch, das ich vorbehaltlos empfehle, wenn es mal keine seichte Unterhaltung sein soll.
 
Weitere Informationen und eine Leseprobe findet ihr bei Hoffmann und Campe. Eine Taschenbuchausgabe (mit einem sehr schönen Cover) gibt es bei dtv.
 
Deborah